Heldenzeit für Kritischen Konsum

Was ist kritischer Konsum?

Konsum, also der Verbrauch von Sachgütern und Dienstleistungen, ist ein Thema, mit dem jeder von uns alltäglich beschäftigt ist.

Der Lebensmitteleinkauf, die Auswahl der Kleidung, des Fahrzeugs, des Stromanbieters, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, der Bau eines Hauses: Immer, wenn Einkommen privater Haushalte verwendet wird, handelt es sich um Konsum. 

Bewusster Konsum von Dienstleistungen und Sachgütern richtet sich nach Kriterien, die auf Umweltverträglichkeit, nachhaltige Produktionsweise, faire und menschengerechte Arbeitsbedingungen, Ausschluss von Kinderarbeit und gesundheitliche Aspekte ausgerichtet sind.

Durch Veränderung des Nachfrageverhaltens von Verbrauchern werden Unternehmen dazu veranlasst, vermehrt Produkte anzubieten, die den von den Verbrauchern geforderten Kriterien entsprechen.

Kritisch zu konsumieren bedeutet: Eine bewusste Kaufentscheidung für oder gegen ein Produkt zu treffen. Oder auch: Ein Dienstleistungs-Angebot zu nutzen, ein anderes dafür wegzulassen.

Die Macht der Konsumenten

Der durch bewusste Kaufentscheidung erzielte Effekt ist vielschichtig: Der Verbraucher selbst entscheidet sich für ein Produkt, das ihm gefällt. Auf der Ebene von Angebot und Nachfrage wird das Produktangebot auf die Vorstellungen der Käufer hin ausgerichtet. Die Kaufentscheidung von vielen kritischen Konsumenten kann somit Einfluss auf das Angebot nehmen.

Ein Beispiel für die Macht der Konsumenten zeigte sich im vergangenen Jahr, als der Discounter Lidl den Biosupermarkt Basic übernehmen wollte, und die Kunden den Einkauf bei Basic boykotierten, bis Lidl sich zurückzog.

Qualitätskontrolle

Öko-Labels bieten den Verbrauchern Entscheidungshilfen zur Einschätzung der ökologischen Wirkungen eines Produkts. Bei kritischem Konsum kommt es also darauf an, Informationen über Produkte zu erhalten. Dabei spielt eine entscheidende Rolle, wie verlässlich nach welchen Kriterien Orientierungshilfen wie Siegel und Öko-Label vergeben werden. Hier zwei Beispiele, wie Produkte nach ökologischen Kriterien klassifiziert werden:

Die sogenannte Ökobilanz analysiert möglichst umfassend den gesamten Produktlebensweg und die zugehörigen ökologischen Auswirkungen und bewertet die während des Lebenswegs auftretenden Stoff- und Energieumsätze und die daraus resultierenden Umweltbelastungen. Ziel einer Ökobilanz ist es, die Umweltbelastungen, die durch Produkte auf deren "Lebensweg" von der Produktion bis zur Entsorgung entstehen, darzustellen und die damit verbundenen Auswirkungen solcher Umwelteinflüsse zu analysieren. Somit wird eine Bewertungsgrundlage für alle Produkte geschaffen. PROSA – Systematische Nachhaltigkeitsbewertung von Produkten - ist eine weitere Methode zur strategischen Analyse und Bewertung von Produkten und Dienstleistungen mit dem Ziel, nachhaltige Innovationen und Handlungsmöglichkeiten zu identifizieren. PROSA bezieht den kompletten Lebensweg eines Produktes ein. Es werden die ökologischen, ökonomischen und sozialen Chancen und Risiken zukünftiger Entwicklungen identifiziert und bewertet.

Freiwillige Vereinbarungen

Die Unternehmensberichterstattung über freiwillig getroffene Vereinbarungen wird öffentlichkeitswirksam von den Unternehmen dargestellt. Gerade der kritische Blick von sogenannten „Nicht-Regierungs-Organisationen“ - als Beispiele können hier BUND, Greenpeace, WWF und  Transparency International genannt werden – ist bei der Einhaltung von freiwilligen Vereinbarungen ein Wächter der Zivilgesellschaft. Eine bedeutsame Rolle spielt die Berichterstattung in den Medien, die die Einhaltung von freiwilligen Vereinbarungen öffentlich bekannt macht und nicht nur die Zielsetzung, sondern auch die tatsächliche Umsetzung mit verfolgt. Die Sozialverträglichkeit der Produktionsbedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländern wird insbesondere von Nicht-Regierungs-Organisationen und kirchlichen Initiativen unter die Lupe genommen.

Gesetzliche Regelungen

Im deutschen Recht gibt es kein gesondertes "Verbraucherschutzgesetz", das alle Fragen des Verbraucherrechts regeln würde. Rechtsnormen, die hauptsächlich oder „nebenbei“ Zielen des Verbraucherschutzes dienen, gibt es in verschiedenen Einzelgesetzen. Oft überschneidet sich die Zielsetzung des Verbraucherschutzes auch mit anderen Zielsetzungen. Dies liegt daran, dass der Konsument nur in bestimmten sozialen Zusammenhängen als „Verbraucher“ betrachtet wird. Als Rechtsgebiet ist der Verbraucherschutz nicht eindeutig abgrenzbar.

Beispiele für  gesetzliche Regelungen, die ökologische Verbesserungen bringen können, sind folgende:

Im Dezember 2007 wurde das Chemikalienrecht in der Europäischen Union grundlegend neu geordnet und vereinheitlicht. Ziel der Neuordnung ist ein höheres Schutzniveau für die Umwelt sowie für Arbeitnehmer und Verbraucher.

Auf EU- Ebene wurde 2003 die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Industrie- und Haushaltskunden EU-weit die Möglichkeit haben, ihre Strom- oder Gasversorger zu wechseln. Ein Wechsel zu Öko-Strom Anbietern wurde dadurch ermöglicht.

Mitte 2005 wurde vom EU-Rat und Kommission  eine neue „Öko-Design Richtlinie“ erlassen. Sie betrifft die Verbesserung der Energieeffizienz "energiebetriebener Produkte".

Orientierungshilfen für den Einkauf

Für Konsumenten ist es wichtig, schon vor einem Einkauf, der bei einer Vielzahl von Produkten durch Werbung beeinflusst wird, Orientierung auf dem breit gefächertem Markt finden zu können.  Konkrete Orientierungshilfen sind daher Angaben über die Qualität eines Produkts.

Einkauf von Lebensmitteln

Lebensmittel in Deutschland müssen mit dem Namen und Wohnsitz des Herstellers, der Liste der Zutaten, dem Mindesthaltbarkeitsdatum und der Inhaltsmenge gekennzeichnet werden. Daneben gibt es Siegel, Gütezeichen und Symbole, die auf bestimmte Standards hinweisen. Irreführend sind Bezeichnungen wie z.B. „aus kontrolliertem Anbau“ oder „aus umweltschonenden Anbau“: Sie erwecken den Eindruck, diese Produkte seinen Bio-Lebensmittel, tatsächlich ist aber eine Bio-Zertifizierung nicht erfolgt.

Dass in einem Produkt wirklich „Bio“ drin ist, kann man in Deutschland zum Beispiel am sechseckigen Label mit der Aufschrift „Bio – nach EG-Öko-Verordnung“ erkennen. Steht auf den Produkten zudem ein Label der Anbauverbände wie Bioland, Demeter, Naturland, Gäa, Biopark oder Eco-Vin (für Wein), beutet dies, dass die Produkte zusätzlich von den Anbauorganisationen kontrolliert werden. Die Richtlinien der anerkannten Öko-Verbände sind in einigen Punkten erheblich strenger als das EU-Bio Siegel. (www.biosiegel.de)

 

Das „Marine Stewardship Council-Label“ (MSC) für Fisch steht als Kennzeichnung für verantwortungsbewusst geführte, nachhaltige Fischerei. Erhaltung der Fischbestände so wie des Ökosystems Meer sind die Ziele, die verfolgt werden. Die Zertifizierung ist für die Unternehmen freiwillig. Das „Bioland“ Siegel wird für Zucht von Karpfen vergeben, bei der die Teichanlage strengen Kriterien unterliegt. Interessant ist, dass nach Bioland-Richtlinien Forellenhaltung nicht möglich ist.

„Wild Ocean“ ist ein Siegel, das sich auf Kabeljau, Seelachs, Schellfisch, Lachs und Tiefseegarnelen aus nachhaltigem Wildfang bezieht. Aufgrund dessen, dass wild gefangene Fische keine nachvollziehbare Nahrungskette haben, berücksichtigt dieses Siegel eher soziale und ökologische Gesichtspunkte als dass es eine kontrolliert biologisches Produkt ist.

Fairer Handel

Für fair gehandelte Produkte lässt sich im Internet ein Einkaufsführer von fair Trade finden (siehe Link-Liste). Das Prinzip von fair Trade funktioniert so: Die Produzenten erhalten für die Rohstoffe faire Preise, unabhängig von den Weltmarktpreisen. So kann eigenverantwortlich gewirtschaftet werden, die Menschen in den Entwicklungsländern können ihre Existenz weitgehend sichern und soziale Mindeststandards in punkto Gesundheit und Bildung erreichen.

Sogenannte Gütesiegel oder Labels machen Produkte aus Fairem Handel für die Verbraucher als solche erkennbar. Für die Zertifizierung von Produkten und Produzenten und die unabhängige Überprüfung der Einhaltung der Kriterien ist die internationale Dachorganisation Fairtrade Labelling Organizations International (FLO) verantwortlich. In ihr sind die nationalen Fairhandelsorganisationen zusammengeschlossen. Biologische Landwirtschaft ist bei den meisten Gütesiegeln nicht zwingend vorgeschrieben, obwohl bestimmte Pestizide untersagt sind.

Weltweite Produktion und Transport

Ein verschwindend geringer Prozentsatz der Produkte, die wir in den Regalen bei uns finden, hat eine kurze Wegstrecke zurückgelegt, da die Produktionsstätten in Billiglohnländer verlagert sind.

Woher genau kommen eigentlich unsere Produkte und warum sind sie häufig sehr billig?

Die Nicht-Einhaltung von Mindestlöhnen, Arbeitsgesetzen und die Missachtung des Umweltschutzes machen es trotz riesiger Transportwege und -kosten immer noch billiger in Niedriglohnländern zu produzieren statt in Deutschland und Westeuropa.

Am Beispiel von Kleidung lassen sich die langen Transportwege veranschaulichen: Unsere Jeans, T-Shirts und Sportschuhe haben bereits eine 'Weltreise' hinter sich, bevor sie bei uns in den Geschäften landen, durchschnittlich 19.000 km. Rund 90 Prozent der hier verkauften Kleidung wird in Osteuropa, Südostasien oder Mittelamerika hergestellt.

Ökologie im Lebensalltag

Einige Produktgruppen, die im Lebensalltag eine große Rolle spielen, sind beispielhaft herausgenommen, um eine Kaufentscheidung unter ökologischen Aspekten zu vereinfachen:

Kleidung

Baumwolle ist die beliebteste Naturfaser der Welt. Auf der anderen Seite ist Baumwolle - konventionell angebaut - jedoch auch eine der am stärksten mit Pestiziden behandelten Pflanzen, mit schweren Folgen für Mensch und Umwelt. Auch die immer stärkere Verlagerung der Textilproduktion in so genannte Billig-Lohnländer ist oftmals problematisch, denn in vielen Fällen sind dort ökologische und vor allem soziale Mindeststandards wie Mindestlöhne oder Verzicht auf Kinderarbeit nicht garantiert. Aber es gibt Alternativen, die folgendermaßen gekennzeichnet sind:

Beim kontrolliert biologischen Anbau von Baumwolle (kbA- oder Biobaumwolle) wird vollständig auf den Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln verzichtet. Bei schadstoffgeprüften Textilien ist sichergestellt, dass keine problematischen Stoffe in der Kleidung vorhanden sind. Bei fair produzierter Kleidung ist die Einhaltung sozialer Mindeststandards garantiert, so dass die Arbeiterinnen und Arbeiter unter anderem bessere Löhne erhalten.
 

Papier

Beim Einkauf von Papier gibt es eine Reihe von Labeln, die im Hinblick auf ökologische Aspekte unterschiedliche Standards erfüllen:

Der Blaue Engel zeichnet Produkte aus, die besonders umweltfreundlich sind und zugleich hohe Ansprüche an den Gesundheits- und Arbeitsschutz erfüllen.

Das Siegel „FSC“ setzt für Holz und Holzprodukte in ökologischer, sozialer und forstlicher Hinsicht Standards, die international gültig sind und vom „Forest Stewardship Council“ nach Prinzipien für eine nachhaltige Waldwirtschaft vergeben werden. Das FSC Siegel findet man also nicht nur für Papierprodukte – bei diesen allerdings bleibt der FSC Standard hinter denen  des Blauen Engels zurück.

Die Kennzeichnung „Holzfrei weißes Papier“ ist irreführend, da dieses zu hundert Prozent aus Holz besteht. Den irreführenden Begriff nutzen Fachleute in Abgrenzung zu holzhaltig.

Wenn kein Zeichen auf dem Papier zu finden ist, so kann dieses unter allen denkbaren Bedingungen hergestellt werden.

Mobilität

Der Bereich Mobilität trägt mit etwa 43 Prozent zu den gesamten Umweltauswirkungen privater Haushalte bei. Um mobil zu sein, tätigen Verbraucher in Deutschland etwa 14 Prozent ihrer gesamten Konsumausgaben in diesem Bereich – das ist der zweithöchste Anteil nach dem Bereich Wohnen und etwa genauso viel wie die Ausgaben der privaten Haushalte für Essen und Trinken.
Mobil sein ist aber auch mit vergleichsweise geringen Umweltauswirkungen und Kosten möglich. Neben der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es die Möglichkeit in immer mehr Städten, beim Car-Sharing mitzumachen. Diese Variante ist häufig – bei Einrechnung der tatsächlichen Unterhaltskosten eines PKW – günstiger und auch im Schnitt sicherer als ein privat genutzter PKW.
 

Strom

Während Strom früher vor allem zur Erzeugung von elektrischem Licht diente, ist er heutzutage in fast allen Lebensbereichen präsent:
bei der Beleuchtung, aber auch bei Haushaltsgeräten, Informations- und Kommunikationstechnologien oder Produktionsprozessen. Ebenso wie bei anderen Produkten bringt auch die Herstellung und Nutzung von Strom Auswirkungen auf die Umwelt mit sich. Als Ökostrom bezeichnet, die auf wird elektrische Energieökologisch vertretbare Weise aus erneuerbaren Energiequellen hergestellt wird. Dies geschieht in Abgrenzung insbesondere zu Kernkraft, Kohle und Öl, aber auch zu Mammutprojekten im Bereich der Wasserkraft.
 

Konsequenzen

Die eigene Lebensqualität kann durch bewusste Kaufentscheidungen erhöht werden. Ein Einkauf von einem qualitativ guten Produkt kann beispielsweise deshalb Sinn machen, weil langfristig Kosten durch gute Energie-Effizienz eingespart werden. Der Kauf von fair gehandelten Produkten ist unter dem Gesichtspunkt, dass alle Menschen gleiche Rechte auf faire Entlohnung haben, ein christlicher Wert, dessen Umsetzung zwar im Geldbeutel bemerkbar ist, aber auch eine Steigerung der eigenen Lebensqualität bedeuten kann.

Beim Einkauf wie bei der Nutzung von Dienstleistungen kritisch hinter die Dinge zu schauen ist eine Herausforderung, die jeden Verbraucher beim alltäglichen Einkauf die Möglichkeit gibt, ein Stück Macht auszuüben.