Romeo und Julia: Mit Verona in Verona

Ostersonntag 9:40 Uhr am Hauptbahnhof KÖln. 13 Stammesleiter, Wortführer, Vorstände, Pöstchen-Hascher, Alpha-Tiere treffen sich zum Woodbadgekurs. "Gestandene Pfadfinder" denkt man sich. Die kann so leicht nichts erschüttern. Aber das vorsichtige Herantasten und Beschnuppern ist dann doch genau so, wie man es gewohnt ist. Man kennt ja keinen und will sich nicht zu sehr in den Vordergrund spielen. Ute bringt uns eine Kiste voll Überraschungspakete vorbei und wünscht viel Spaß.

 

Und so steigen die 13 StaVos in den Zug nach Süden, ohne zu wissen, was sie jenseits der Alpen erwarten wird. 13 StaVos? Ja, nur 13! Kathi war zu diesem Zeitpunkt noch davon überzeugt, ihr Zug führe erst in 24 Stunden. Zumindest hatte man damit ein erstes Gesprächsthema. Wie das so ist, verflogen die Befürchtungen recht schnell, als man die anderen ein wenig kennen lernte. Die vorgereisten Teamer hatten sich liebevoll um uns gekümmert. In unseren Paketen fanden wir Fragebögen, Aufgaben, kleine Geduldsspiele, Luftballons, Party-Tröten, ein bekanntes Drama von Shakespeare und einen kleinen Vorgeschmack auf die Welt der italienischen Spirituosen. Wir haben übrigens kaum etwas davon gebraucht, um in Stimmung zu kommen.

In den gut elf Stunden Zugfahrt hatten wir genug Zeit, einander einigermaßen kennen zu lernen. Kathi hatte in Rekordzeit ihre Koffer gepackt und uns in München schon eingeholt. Vom Bahnhof in Verona brauchte es noch etwas Zeit und Nerven, unser schnuckeliges und abgelegenes Domizil zu erreichen.

Kennenlernphase eins.

 

Den ersten Tag nutzten wir zur Erkundung der hügeligen Umgebung, Wandern und Erklärung der Projektmethode. Die Namen prägten sich - zumindest mir - ungewohnt schnell ein. Es zeichnete sich ab, dass das wohl nicht die allerschlechtesten Leute waren, um mit ihnen einen WBK zu machen.

Kennenlernphase zwei.

 

Der zweite Tag stand im Zeichen von Romeo und Julia. Mit Fragen wie "wie viele Tore hat die Arena?" und "Wie viele Touristen fassen Julia in fünf Minuten an den Busen?" wurden wir quer durch Verona geschickt. Wie damals auf Klassenfahrt. Das schweißt zusammen.

Kennenlernphase drei.

 

Nach all dem Kennenlernen und Durch-die-Gegend-laufen wurde es dann am dritten Tag ernst. Die Machtübergabe. Bisher hatten die Teamer den Fahrplan vorgegeben Jetzt waren wir, frisch motiviert durch allerlei gruppendynamische Maßnahmen, an der Reihe. Und zunächst klappte auch alles. Wir probierten aus, was wir gelernt und uns gegenseitig beigebracht hatten, stormten unsere brains, fanden Ideen und diskutierten leidenschaftlich.

Bis es zu dem Punkt kam, an dem wir uns entscheiden mussten. Die Diskussionen drehten sich im Kreis, keiner verstand mehr, was der andere wollte. Renovieren, Floß bauen oder Lagerbauten deluxe standen zur Auswahl. Wären wir nicht so motiviert und von uns überzeugt gewesen, hätten wir einfach ein Floß gebaut und versucht, damit den Gardasee zu überqueren. Es waren nur zwei dagegen. Aber weil wir eben davon überzeugt waren, wir bräuchten den totalen Konsens, ging das eben nicht. Zugegeben, die Diskussion in weniger als einem Tag zu beenden wäre der absolute Rekord gewesen. Aber warum nicht. Fast hätten wir es geschafft. So stand die Diskussion still. Einige waren davon schon ziemlich gefrustet und gingen zum ersten Mal mit Bauchschmerzen ins Bett. Aus dem Traum, am nächsten Morgen anfangen zu können, wurde nichts. Über Nacht löste sich allerdings das Problem. Am nächsten Morgen ging alles wieder voran. Insgesamt hatten wir etwas mehr als einen Tag gebraucht, um zu einem Ergebnis zu kommen. Jetzt wollten wir kein Floß mehr bauen, sondern nur "etwas, das schwimmt" und wir wollten es irgendwie gestalten und präsentieren. Aber es waren wirklich alle, die voll mit dem Projekt einverstanden waren.

 

Wir hatten noch ca. zwei Tage, um das Projekt zu planen, durchzuführen, abzuschließen und wieder alle Spuren davon zu beseitigen. Bei der Durchführung stand uns vor allem die Sprachbarriere im Weg. Von uns sprach keiner Italienisch und im Dorf, in dem wir wohnten, sprach niemand Englisch oder Deutsch. Die meisten konnten noch nicht einmal lesen.

Und trotzdem standen wir am Samstag Vormittag auf etwas schwimmendem, das sogar fünf Personen trug. Es bestand hauptsächlich aus Paletten, Plastikfässern und leeren Getränkeflaschen. "Floß" wollten wir es wirklich nicht nennen und tauften es darum auf den Namen "TG Konsens". "TG" stand dabei für Treibgut, da wir das meiste Material aus wilden Müllkippen geholt hatten. So hatte das Projekt auch noch einen ökologischen Aspekt. Das Ganze wurde natürlich präsentiert (mit eigenem Maskottchen) und gebührend gefeiert.

Zugegeben, es gibt kreativeres, als Floße bauen und unseres war noch nicht einmal besonders groß oder schön, aber immerhin hatte jeder das Gefühl, genau sein Ding zu verwirklichen.

Es bleibt eigentlich nur noch zu sagen:

VIELEN DANK LIEBE TEAMER! Es war wirklich super.

 

Sonntag 21:04 Uhr am Hauptbahnhof Köln. Aus dem Zug steigt eine Gruppe, die gemeinsam schon sehr viel erlebt, diskutiert, gestritten und gefeiert hat.

 

opi