Heldenzeit für Artenvielfalt

 

Wie definieren wir Artenvielfalt?

Der Begriff „Artenvielfalt" (man spricht auch von Biologischer Vielfalt bzw. Biodiversität) umfasst drei Dimensionen:

1.) Die Vielfalt der Lebensräume, sprich lokale, regionale und globale Ökosysteme,
2.) die Vielfalt der Arten innerhalb der Lebensräume bzw. alle dort lebenden Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen und
3.) die Vielfalt der Gene innerhalb der Arten.

Auf der Erde gibt es schätzungsweise 15 Millionen verschiedene Arten. Davon näher bekannt sind heute ungefähr 1,8 Millionen. Bei zwei Dritteln der Arten handelt es sich um Insekten. Ca. 70 Prozent aller Arten leben in 17 Ländern der Tropen und Subtropen wie Brasilien, Kolumbien oder China. 

 

Was nützt uns Artenvielfalt?

Die Vielfalt der göttlichen Schöpfung stellt bereits an sich einen großen Wert dar. Außerdem ist Artenvielfalt von großem ökologischem, sozialem und wirtschaftlichem Nutzen

...für die Gesundheit: 10.000 bis 20.000 Pflanzenarten werden weltweit zur Gewinnung von Medikamenten genutzt.

...für die Ernährung: 100 Millionen Tonnen Wasserorganismen fangen wir jährlich und diese leisten einen erheblichen Beitrag zur globalen Ernährungssicherung.

...für den Handel: Der monetäre Wert sämtlicher Ökosystemdienstleistungen wird auf bis zu 64 Billionen $ geschätzt. Allein der Sektor der Waldprodukte macht ungefähr einen Anteil von 1 Prozent am Weltbruttoinlandsprodukt aus

...usw.


Wodurch gefährden wir Artenvielfalt?

Alle 3 Dimensionen der Artenvielfalt sind jedoch durch zahlreiche vom Menschen verursachte negative Entwicklungen gefährdet. Einige wenige zentrale Aspekte sollen dies exemplarisch verdeutlichen:

Schwund des Regenwalds

Brandrodung, Kahlschlag, Abholzung, nicht nachhaltige Formen der Waldnutzung und der Treibhauseffekt haben das weltweit artenreichste Ökosystem erheblich reduziert und geschädigt. Bereits 1990 waren etwa 42 Prozent der tropischen Wälder vernichtet. 35 Prozent aller Mangrovenwälder wurden innerhalb von nur 20 Jahren zerstört. Noch immer verschwinden pro Jahr ½ bis 1 Prozent der Waldfläche. Mit den Regenwäldern verloren zahlreiche Arten ihren Lebensraum und sind bereits ausgestorben, darunter zum Beispiel der Javatiger. Weitere Arten stehen kurz davor.

Erwärmung der Weltmeere

Sie gelten als das zweit-artenreichste Ökosystem der Erde. Vor allem die Erwärmung des Wassers in Folge des Klimawandels macht den in den Meeren lebenden Arten zu schaffen, insbesondere den Korallenriffen, von denen bereits ein erheblicher Teil abgestorben ist. In der Karibik sind es beispielsweise 80 Prozent. Außerdem gefährden die industrielle Fischerei und die vielerorts durch Überdüngung, Chemikalien und Schadstoffe verminderte Wasserqualität eine Menge Arten. Mittlerweile gelten 25 Prozent aller Meeresfischbestände als gefährdet und bei mehr als 50 Prozent kann der Fang nicht mehr ausgeweitet werden. Arten wie Schellfisch oder Heilbutt sind massiv bedroht.

Verwüstung

Durch Treibhauseffekt, Abholzung und nicht nachhaltige Bodennutzung schreitet weltweit die Ausbreitung der Wüsten voran. 30 Prozent der gesamten Landfläche der Welt sind heute durch Wüstenbildung gefährdet. Mit dem Verlust fruchtbaren Landes werden die dort lebenden Arten ihres Lebensraumes beraubt. Der Prozess hat aber auch unmittelbare Auswirkungen auf die Existenzgrundlage von mehr als 1,2 Milliarden Menschen. So könnten über 135 Millionen Menschen bald schon dazu gezwungen werden, infolge dieser Entwicklung ihre Heimatgebiete zu verlassen.

Bodenversiegelung

Sie bezeichnet das zunehmende Bedecken des natürlichen Bodens durch menschliche Bauwerke. Versiegelung wirkt sehr negativ auf den natürlichen Wasserhaushalt, da der Boden nicht mehr als Puffer dient. Der oberflächliche Abfluss wird gesteigert und die Grundwasserspende verringert. Dadurch entstehen Trinkwassermangel, vermehrte Dürreschäden und stärkere Hochwasser. Die Grundwasserbelastung und Stoffkonzentration steigt, da bei punktueller Versickerung des Niederschlages weniger Nähr- und Schadstoffe im Boden gefiltert werden können. In Deutschland gehören zur Siedlungs- und Verkehrsfläche ungefähr 12,5 Prozent des Bodens, von welchem wiederum ca. 50 Prozent versiegelt sind.

Klimawandel

Der langfristig vermutlich für die Artenvielfalt bedrohlichste Prozess ist der Klimawandel durch den von uns Menschen verursachten Treibhauseffekt. Er lässt zum Beispiel das Eis der Arktis in atemberaubendem Tempo schmelzen, so dass die Nahrungsquellen und der Lebensraum der Eisbären immer schneller verschwinden und diese daher vom Aussterben bedroht sind.

 

Rote Liste

Insgesamt hat sich zwischen 1970 und 2000 die Gesamtzahl der Arten um ca. 40 Prozent reduziert. Die derzeitige von uns Menschen gemachte Rate des globalen Artensterbens übersteigt die natürliche Artensterberate um das 100- bis 1000fache. Weltweit stehen aktuell etwa 15.500 Arten als „vom Aussterben bedroht“ auf sogenannten „roten Listen“. Darunter befinden sich 23 Prozent aller Säugetiere, 12 Prozent der Vögel und 31 Prozent der Amphibien. Rote Listen sind Verzeichnisse ausgestorbener, verschollener und gefährdeter Tier- und Pflanzenarten, Pflanzengesellschaften sowie Biotoptypen und Biotopkomplexe.

Die Rote Liste gefährdeter Tiere Deutschlands beinhaltet alle Wirbeltiere und ausgewählte Gruppen der Wirbellosen. Insgesamt sind von ca. 45.000 heimischen Tierarten mehr als 16.000 Arten (35 Prozent) hinsichtlich ihrer Gefährdung bewertet worden. Von den untersuchten Gruppen wurden insgesamt etwa 40 Prozent in die Kategorien „extrem selten“ bis „vom Aussterben bedroht“ aufgenommen. 3 Prozent aller untersuchten Arten gelten als ausgestorben oder verschollen, 3 Prozent der Tierarten wurden in die Vorwarnliste aufgenommen.

 

Was tun wir als Menschheit für Artenvielfalt?

Wegen des weltweit rasant voranschreitenden Artenschwundes war der Schutz und die nachhaltige Nutzung der Artenvielfalt ein wichtiges Thema auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro, bei der eine  Konvention über Artenvielfalt beschlossen wurde, der 183 Staaten beigetreten sind. 

 
Diese Konvention verfolgt drei Ziele:

1.) Den Erhalt der Artenvielfalt,
2.) die nachhaltige Nutzung der Artenvielfalt und
3.) die ausgewogene und gerechte Verteilung der Chancen, die sich aus dieser Nutzung ergeben.

 
Regelmäßig treffen sich seitdem Politiker, um das Abkommen zu verbessern und zu erweitern. Beim Nachhaltigkeitsgipfel 2002 in Johannesburg beschloss die Völkergemeinschaft, bis zum Jahre 2010 die Verlustrate an Artenvielfalt deutlich zu senken. Die EU ging ein Jahr zuvor in Göteborg noch darüber hinaus und einigte sich auf das Ziel, den Rückgang an Artenvielfalt innerhalb der EU bis 2010 ganz zu stoppen. Vom 19. bis 30. Mai 2008 werden in Bonn etwa 5000 Regierungsvertreter aus aller Welt die Ergebnisse ihrer bisherigen Bemühungen zum Schutz der Artenvielfalt vorstellen und über weitere Maßnahmen beraten.

Zur Umsetzung der UN-Konvention über Artenvielfalt auf nationaler Ebene verabschiedete das deutsche Bundeskabinett am 7.11.2007 einen Katalog, welcher rund 330 konkrete Ziele und rund 430 Einzelmaßnahmen in den verschiedensten Bereichen des Naturschutzes, der nachhaltigen Naturnutzung und der Entwicklungszusammenarbeit umfasst.

So soll sich im Naturschutz bis zum Jahr 2010 der Anteil der vom Aussterben bedrohten und stark gefährdeten Arten verringern und bis 2020 die Gefährdungssituation des größten Teils der „Rote Liste-Arten" um eine Stufe verbessern. Bis zu diesem Jahr soll auch der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung 5 Prozent betragen, gegenüber rund einem Prozent heute. Ebenfalls bis zum Jahr 2020 soll sich durch Wiedervernässung und Renaturierung von Mooren sowie durch die Zunahme naturnaher Wälder die natürliche C02 Ausstoß durch den Menschen 28 Milliarden Tonnen und ist somit um 8-Speicherkapazität der Landlebensräume um 10 Prozent erhöhen. Aber auch die Lebensqualität für Stadtbewohner soll verbessert werden, in dem bis zum Jahr 2020 in den Städten öffentlich zugängliches Grün für alle fußläufig zur Verfügung gestellt wird.

Darüber hinaus soll der Anteil der Mittel für Entwicklungsprojekte, die den Schutz und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt sowie den gerechten Vorteilsausgleich zum Ziel haben, an der gesamten deutschen Entwicklungshilfe bis zum Jahr 2015 um 50 Prozent gesteigert werden. Bis 2020 wird ein vorbildliches Beschaffungs- und Bauwesen angestrebt, das sich an Standards zur Erhaltung von Arten und Lebensräumen orientiert. Bis zum Jahr 2020 sollen 25 Prozent der importierten Naturstoffe und -produkte aus natur- und sozialverträglicher Nutzung stammen. Gleichzeitig sollen von der deutschen Industrie aufgestellte Ökobilanzen alle Umweltauswirkungen vom Rohstoffeinsatz bis zur Abfallwirtschaft beinhalten und auch die Auswirkungen des Produkts auf die Artenvielfalt im Ausland darstellen.

Ob diesen hehren Zielen auch entsprechende Taten folgen, werden wir in den kommenden Jahren kritisch verfolgen. Doch wir wollen das Handeln nicht allein den Politikern überlassen. Im Rahmen unserer Ökologiejahresaktion „Heldenzeit für Nachhaltigkeit“ können auch wir Kölner Georgspfadfinder eine Menge tun.